Ergebnisse



Ich wollte mit der Umfrage herausfinden, wie bzw. wo – sprachlich – die Grenze zwischen Lebewesen und Nicht-Lebewesen verläuft. Die Theorie, auf die ich mich gestützt habe, geht davon aus, dass viele Verben und Adjektive nur Lebewesen an einer bestimmten Stelle in einem Satz zulassen:

Klaus schnarcht
ist ein völlig akzeptabler Satz,

Mein Nachttisch schnarcht
ist dagegen völlig inakzeptabel.

Das würde man dann so erklären, dass SCHNARCHEN für das "Subjekt" ein Lebewesen (genauer: eine sehr begrenzte Anzahl von Lebewesen: Mensch, Hund, ...?) fordert.
Anhand der Testsätze im Fragebogen wollte ich testen, was noch als Lebewesen gelten kann und was nicht.
Wie Sie sicher gemerkt haben, sind die meisten Fälle grenzwertig, aber gerade diese Grenzfälle habe ich zu systematisieren versucht.

Grundsätzlich kann man zusammenfassen, dass die Grenze auf der sprachlichen Ebene ungefähr bei den Säugetieren liegt. Tiere und andere Lebewesen, die mit dem Menschen entfernter verwandt sind als Säugetiere, sind nur in wenigen Fällen akzeptabel. Je näher man dem Menschen dann im "Stammbaum der Arten" kommt, desto wahrscheinlicher wird es auch, dass eine Belebtheitsforderung (also eine Forderung nach einem Lebewesen) erfüllt werden kann. Hunde sind dem Menschen in dieser Hinsicht am nächsten.

Besonders interessant sind aber die Fälle, in denen weit vom Menschen entfernte Lebewesen oder Maschinen akzeptiert werden:

3. So was Blödes! Der Automat hat mir kein Geld gegeben. (75,9%)
18. Stell dir das vor: einfach in der Mitte durchgeschnitten! Ich werde ihm nie verzeihen, dass er meinen Lieblingskaktus umgebracht hat. (57,3%)
27. Keine Sorge, da passiert schon nichts. Mein Auto ist solche holprigen Strecken gewohnt. (78,1%)
42. Kein Wunder, dass sie das nicht überlebt haben. So eine warme Umgebung sind Amöben nicht gewohnt. (81,7%)

3., 18. und 27. erkläre ich u.a. dadurch, dass die Bedeutung, die Wichtigkeit der Gegenstände im Alltag sie "menschenähnlicher" macht. Auto und Geldautomat sind Gegenstände, mit denen man regelmäßig, oft täglich zu tun hat. Zudem übernimmt ein Geldautomat die Funktion eines Bankangestellten. Beim "Lieblingskaktus" ist es dann eher die emotionale Bindung, die ausschlaggebend ist. Diesen Satz habe ich zwar insgesamt nicht als problemlos akzeptabel eingestuft, da er nur 57,3% erreichte, dennoch hat ihn mehr als die Hälfte der Befragten akzeptiert. Übrigens war die Akzeptanz bei diesem Satz unter den Frauen um 9,1 Prozentpunkte höher als unter den Männern.
42. und 27. deuten darauf hin, dass GEWOHNT eine schwache Forderung nach Belebtheit besitzt. Es lieferte mit den meisten Lebewesen/Gegenständen recht akzeptable Ergebnisse.

Die Hauptergebnisse der Untersuchung sind (grob vereinfacht) also,
1. dass man nicht von einer immer gleichen Forderung nach (Nicht-)Lebewesen sprechen kann, sondern dass sie bei jedem Verb oder Adjektiv anders ist, und
2. dass Menschen in der Wahrnehmung von (Nicht-)Lebewesen, solange sie für die Sprache relevant ist, teilweise sehr offen für die tatsächliche Alltagswichtigkeit von Gegenständen sind; dass ihre Wahrnehmung dadurch wahrscheinlich beeinflusst wird.

Es hängt also in vielen Fällen von der Satzumgebung, vom Kontext ab, ob ein Gegenstand bzw. ein Lebewesen (auch) sprachlich als Lebewesen wahrgenommen und behandelt wird.

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